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Wednesday, December 6, 2017

Zum 75. Geburtstag / Years extra-Uterine von Peter Handke

 Zum Geburtstag des Dichters: Feierstunde in der Niemandsbucht

Am Mittwoch Abend beging Peter Handke nahe Paris seinen 75. Geburtstag. Im Beisein namhafter Wegbegleiter. Auch aus Kärnten war eine Delegation angereist, um den großen Schriftsteller zu feiern. http://www.kleinezeitung.at/kultur/buecher/5335019/Peter-Handkes-75er_Zum-Geburtstag-des-Dichters_Feierstunde-in-der  


Zum Geburtstag des Dichters: Feierstunde in der Niemandsbucht

Am Mittwoch Abend beging Peter Handke nahe Paris seinen 75. Geburtstag. Im Beisein namhafter Wegbegleiter. Auch aus Kärnten war eine Delegation angereist, um den großen Schriftsteller zu feiern.
Kleine Feier zum Geburtstag: Autor Peter Handke © Stadtkino
 
Guinguette, so hießen früher einmal die beliebten Ausflugslokale an den Rändern von Paris. La Pergola ist so eine ehemalige Taverne. Sie liegt an einem Teich in der Niemandsbucht zwischen der Metropole und Versailles, deren Lichter an diesem Abend den verdeckten Nachthimmel aufhellten. Ganz in der Nähe spielten auf grünem Asphalt Migrantenkinder im Flutlicht Fußball.
Der Jubilar trat aus dem Dunkel der Uferpromenade und leuchtete den ersten Gästen mit der Taschenlampe ins Gesicht: "Seien Sie nicht so laut, das ist ein stiller Ort!" Die Tafel war festlich gedeckt: Die Tischtücher aus weißem Leinen hatteSophie Sèmin, die Frau des Gastgebers, mitgebracht. Freundschaftsbänder hielten die Stoffservietten zusammen, auf denen goldfarben die Namen der Eingeladenen zu lesen waren.
Der Autor, ganz rechts, und seine Frau Sophie an der festlich gedeckten Tafel Foto © Hubert Patterer
In diesem Rahmen feierte Peter Handkemittwochabends, umgeben von seiner Familie und von Wegbegleitern, den 75. Geburtstag. Lebensfreund Hubert Burda sprach in der Festrede von der Unmöglichkeit, über einen wie Handke angemessen zu sprechen. Mit heiterer Ironie beschrieb er die verdeckte Eifersucht, wer denn nun im Raum dem Künstler näher stehe und sitze, als einigendes Band unter den Anwesenden. Er ahne, dass das Handke in diesem Moment bestimmt diebisch freue. Der Regisseur Wim Wenders räumte ein, dass die jahrzehntelange Freundschaft Handkes prägend für sein Leben gewesen sei. Seine Rede setzte sich aus den Titeln von Büchern des Schriftstellers zusammen.
Besuch aus der Heimat: Handke mit dem UN-Sonderbeauftragten für Bosnien, Valentin Inzko, und dem Griffener Bürgermeister Josef Müller Foto © Hubert Patterer
Der Griffener Bürgermeister Josef Müller und Ortschronist Valentin Hauser überbrachten die Glückwünsche und den Stolzder Heimatgemeinde. Dieser habe nach anfänglicher Fremdheit und Ablehnung erst wachsen müssen. Seit vielen Jahre lasse sich der berühmte Sohn vierteljährlich die Gemeindezeitung zustellen. Handke lese sie nicht, er studiere sie. Der Angesprochene unterbrach das Gemeindeoberhaupt und erkundigte sich launig nach der Platzierung des Griffener Fußballvereins.
Handkes Frau, Französin, las auf Deutsch aus den Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers vor. Mitten in die schwerelose Stimmung hinein erklang auf Wunsch des Geburtstagskindes ein Lied des am selben Tag verstorbenen französischen Rockstars Johnny Hallyday, dem die Gäste auf Geheiß Handkes andächtig zu lauschen hatten, wenig später gefolgt von einem Chanson des afrikanischen Sängers Boubacar Traoré – "Si tu savais, combien je t'aime, toi aussi, tu dois m'aimer" – "Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich liebe, dann musst auch du mich lieben."
Es waren die einzigen musikalischen Grußadressen, auch weil kein zweisprachiger Kärntner Chor in Griffweite war und die Mezzosopranistin Bernarda Fink, die Frau des mitfeiernden UN-Sonderbeauftragten für Bosnien, Valentin Inzko, an diesem Abend nicht kommen und slowenische Volkslieder vortragen konnte.
Weiters unter den Aus Deutschland und Österreich angereisten Gratulanten: Die Verleger Michael Krüger und Jochen Jung, die Germanisten Klaus Amann und Karl Wagner, Handkes langjähriger Lektor bei Suhrkamp, Raimund Fellinger, die Schauspielerin Marianne Koch und ihr Mann, der Schriftsteller Peter Hamm, die Filmemacherin Corinna Belz und die beiden Töchtet Amina und Léocadie. Handke selber sprach nicht über sich, sondern entwarf spontane Porträtskizzen der Anwesenden. "Ich bin hier nur das Medium", befand er mit milder Koketterie. Gerne noch hätte er ein Gedicht des im Vorjahr jung verstorbenen Übersetzers Fabjan Hafner vorgetragen. Aber das ging im fluchtartigen Aufbruch der Gäste kurz nach Mitternacht unter. Kein aufziehender Sturm, es war die Angst, den letzten Vorortezug nach Paris zu verpassen und als menschliches Strandgut in der finsteren Niemandbucht zurück zu bleiben. Besser hätte es auch der zufriedene Jubilar nicht in Szene setzen können.



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http://www.kleinezeitung.at/kultur/buecher/5333934/Zum-75er_DANDKE-HANDKE_So-gratulieren-Fian-Fritsch-Jelinek-und

Er ist ein Literat von Weltgeltung, daheim im unendlich weiten Feld der Sprache. Dichter und Dichterinnen, langjährige Weggefährten aus frühen und turbulenten Forum-Stadtpark-Zeiten, gratulieren Peter Handke mit Wortgaben zu seinem 75. Geburtstag.
Elfriede Jelinek, Literaturnobelpreisträgerin, schickte uns diese Handke-Würdigung anlässlich seines Geburtstages:
Dieser Dichter kennt die Fahrpläne und weiß, welchen Zug er nehmen und wo er ein- und aussteigen muß. Und doch sieht er auf der Fahrt alles, als hätte kein andrer es je gesehen. Aber nicht als ein Einzelner oder Einziger, der jedem andren das Recht abspricht, es genauso zu sehen wie er, sondern er sieht es gleichzeitig als etwas, das einerseits noch nie jemand vor ihm gesehen hat, das er aber andrerseits gern mit anderen teilt, damit auch sie es sehen. Er gibt es ihnen ja. Da ist kein Bewußtsein von Einzigartigkeit, sondern vielleicht von Erstartigkeit. Nicht wie ein Kind beim Wettrennen schreit: Erster! Sondern als könnte nichts, was der Autor sieht, nicht von ihm als erstem gesehen worden sein, obwohl es da ist, für alle.
Valerie Fritsch:
Peter Handke hat meine Empfänglichkeit für Sprache und Durchlässigkeit für Bilder, aber auch meine Welt hin und wieder ganz pragmatisch geprägt. „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ trieb in Jugendjahren einen Keil zwischen mich und einen Verehrer: Er dachte, es handelte sich um ein Fußballfachbuch – das fand ich unverzeihlich. Herzlichen Glückwunsch!
Josef Winkler:
Friedrich Hebbel hat in seinem Tagebuch geschrieben, dass bei einem großen Schriftsteller jeder Satz ein Menschengesicht hat. Das kann Peter Handke, der einmal von einem Starjournalisten gefragt wurde, ob er sich für ein Genie hält. Peter Handke hat abgewunken und gemeint: „Ich bin auch kein Schriftsteller, ich schreibe, ich habe geschrieben, ich werde geschrieben haben!“ An diese Sätze von Friedrich Hebbel und Peter Handke denke ich oft, wenn ich meine aus Pappmaché gepressten Bleistifte aus Isfahan spitze.
Antonio Fian, Literat und Minimalist Foto © APA/Herbert Neubauer
Antonio Fian: DANDKE; HANDKE
Anna Baar:
Peter Handke ist Inbild des Schreibenden, nein, Inbild einer Haltung der staunenden Hingabe, eines Schauens, das im Schreiben ja nur mündet – um zu bewahrheiten. Oder ohne Zweck. Das ist kein aus der Zeit Gefallener, sondern ein im rechten Zeitmaß Vorangehender. Halten wir gefälligst mit! Herzlich Anna.
Barbara Frischmuth:
Lieber Peter, möge der Herbst auch in Deinem 76. Jahr die Fülle seiner Pilze mit Dir teilen und die Obstdiebin Dir einen Weg durch die Wälder weisen, den Du noch nie gegangen bist. Im Winter schlafen selbst die höchsten Bäume. Mit allen guten Wünschen, Barbara.
Literatin Barbara Frischmuth Foto © Christoph Huber
Ilma Rakusa:
Gut, dass Peter Handke unbeirrt seine langen, langsamen Sätze schreibt und die Aufmerksamkeit auf Kleines und Kleinstes richtet. Eine Schule des Sehens, Hinhörens, Staunens und Verweilens. Des Fragens auch, das sich nicht in falsche Gewissheit flüchtet. Danke, und bitte weiter so.
Wilhelm Hengstler:
Lieber Peter! Es gab schon damals keinen Zweifel, dass Du uns in den meisten Dingen über warst. Aber in manchen warst du auch nicht so verschieden von uns. Z. B., als du das Geschenk deiner Mutter, diesen Kamelhaarmantel, schwarz umfärben ließest. Den trugst du dann auch auf dem Foto in der FAZ, die ich 1966 in Teheran gekauft hatte: Überraschung! Du, mein Freund, warst berühmt geworden. Die Kritik der „Hornissen“, endete so: „Ein Autor, von dem man noch hören wird“ . Seither gab’s noch mehr von Dir zu hören und vor allem zu lesen. Und das wird gewiss nicht aufhören, bloß weil du 75 wirst. Alles Gute!
Olga Martynowa:
Die Stärke des Ungeschützten – so ist die Welt in Handkes Erzählen, eine Welt, die durch ihre Schutzlosigkeit stark ist und ihre Bewohner zu beschützen versucht. Eine wunderbare, jedem Zeitgeist standhaft Widerstand leistende Geste. Lieber Peter, vielen Dank dafür!
Klaus Hoffer:
An die erste Handke-Lektüre erinnere ich mich lebhaft, als wäre es gestern gewesen. Es war „Die Überschwemmung“, abgedruckt in den „manuskripten“. Nur so kann geschrieben werden, dachte ich, Kafka im Kopf. Ein Satz ist mir stets präsent: „Die Fäden der Luft haben sich um ihn gelegt.“ – „Wie macht er das nur?“, fragte ich mich, und las das Kapitel meiner Mutter vor, die nichts verstand. – Und dann der „Tormann“ und das „Wunschlose Unglück“. Eins eindrücklicher als das vorhergehende!
Arnold Stadler:
Verwandeln durch Erzählen, so hieß das Symposium an der Universität Wien, das Aufgehobenes und Geborgenes aus dem Bleistiftgebiet zur Sprache brachte. Peter Handke ist ein großer Wanderer und Schauender, der von da seine Pilze und Sätze mitbringt. Damit ist das Ganze im Fragment gesagt: wie Handke auf dem Weg seiner Sprache die Welt verwandelte, die zuerst ihn verwandelt hat. Sein Staunen wird immer auch ein wenig mit dem Staunen eines Kindes blutsverwandt sein, wenn es „auf der ganzen Welt!“ sagt. Wenn es etwas Schönes entdeckt oder erfahren hat auf der anderen Seite seiner Augen. Und in der Mitte die Augen des Menschen, der dies sieht, als die Seele des Ganzen. Seine Bücher sagen Ja. Und sind wunderbar erwartungsvoll. Lässt sich Schöneres sagen? Von einem, der lebt und schreibt? Ich wünsche Peter dem Großen Glück und Segen bei seinen weiteren Sonnenumrundungen.
Huldigungen, gesammelt von Werner Krause und Andreas Unterweger

 



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Aufgeklärter Freidenker - Schriftsteller Peter Handke wird 75

Der Lyriker, Erzähler, und Essayist sorgt mit seinen Themen immer wieder für große Aufregung. Seinen Durchbruch hatte Peter Handke 1966 mit dem Stück "Publikumsbeschimpfung".
Groß feiern wolle er seinen 75. Geburtstag am 6. Dezember nicht, sagte er vor kurzem in einem Interview. Vielleicht würde er in die portugiesische Bar in seinem "Kaff" Chaville gehen. In diesem kleinen Ort, zwölf Kilometer südwestlich von Paris gelegen, lebt der in Kärnten geborene Literat seit 1990 - anfangs noch mit seiner späteren zweiten Frau, der französischen Schauspielerin Sophie Semin. Seit 2001 wohnt diese jedoch nicht mehr mit Handke in Chaville. "Um mit Handke gemeinsam leben zu können, müsste man ein Schloss mit zwei Flügeln besitzen", sagte sie einmal. Aber man habe halt kein Schloss.
Streitbares "Zoon politikon"
Großes Aufsehen erregte Handke zum ersten Mal 1966, als er auf den Literatenzirkel Gruppe 47 an der Elite-Uni in Princeton bei New York eine Schmährede hielt. Er warf ihm "Beschreibungsimpotenz" vor. Kritiker werteten dies als rabiate Selbstinszenierung. Andere sagten ihm eine rasante Karriere voraus.

http://www.dw.com/de/aufgekl%C3%A4rter-freidenker-schriftsteller-peter-handke-wird-75/a-41662997




"Heutzutage nennt sich ja jeder schon Schriftsteller. Ich nenn mich Schreiber im altäqyptischen Sinn, der eigentlich eine Würde ausstrahlen sollte. Der altägyptische Schreiber war im Stillen ein mächtiger Mensch. So wäre es mein Ideal, das allerdings nicht ganz realisiert worden ist."
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Controversial author Peter Handke turns 75
The renowned novelist, screenwriter and essayist has long courted both critical acclaim and ill-fame in equal parts. As Austrian man of letters Peter Handke reaches another milestone, his legacy remains an open book. http://www.dw.com/en/controversial-author-peter-handke-turns-75/a-41681912


======================= It's very much a Handke season in German literature lands! 

Collecting numerous fine reviews of OBSTDIEBIN - Alexia, the Fruit Thief 
@ https://handke--revista-of-reviews.blogspot.com/2017/07/die-obstdiebin.html

I just received me copy  no thanks here to the Schwarzwaelderische Suhrkrampf folk & wont write if at all for some time....


Note that Seagull will be publishing the wonderful and wonderfully short! THE GREAT FALL in Spring 2018 


http://press.uchicago.edu/ucp/books/book/distributed/G/bo28483408.html


https://handke--revista-of-reviews.blogspot.com/2017/07/die-obstdiebin.html

where Scott Abbott & I have a go at this successor to AFTERNOON OF A WRITER

not to forget the miserable reception that the truly great MORAWIAN NIGHT received in the realm of the 50 unified pathetic idiots who are quarreling about who can take a shit and where!


http://moravian-nights-discussion.blogspot.com/ 


Here some links to interesting birthday wishes


https://www.vn.at/kultur/2017/12/01/aber-besser-illegal-als-die-legalen-gauner-weltweit.vn


http://www.aktuelle-nachrichten-online.eu/artikel/zum-75-geburtstag-von-peter-handke/4264909


http://www.suhrkamp.de/news/zum_geburtstag_von_peter_handke_2860.html


http://www.antenne1.de/musik/on-air/star-geburtstage/promi-geburtstag-vom-6-dezember-2017-peter-handke.html


https://www.facebook.com/DLFKultur/photos/a.459362520742028.106933.174552715889678/1733812646630336/?type=3&theater



http://iphoneapp.hz-online.de/ulm/nachrichten/kultur/Peter-Handke-zum-75-Das-Ereignis-der-Augen;art1222892,4469114


https://www.wr.de/kultur/alles-bloss-nicht-einverstanden-sein-id212748009.html


https://www.ndr.de/kultur/Schriftsteller-Peter-Handke-im-Portraet-zum-75-Geburtstag,peterhandke124.html

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handke/4264909

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"Ein größerer Gegensatz als zwischen uns ist nicht vorstellbar" https://www.ndr.de/kultur/Claus-Peymann-ueber-Peter-Handke,journal1098.html



Sehr schoenes Interview. Komischer Weise verwechselt Peymann Bosnien mit dem Kosovo zu dem er ja mit Handke gereist ist um das Preisgeld zu verteilen. Die Yugoslavien Kriege sind sehr einseitig propagandistisch, en gros, in Westen berichterstatted worden, dagegen hat Handke sich gestreubt. Und sein Stueck dazu DIE FAHRT IM EINBAUM ODER DAS STUECK ZUM FILM UEBER DEN KRIEG ist ein ganz grosses Stueck Handkwerk, ebenbuertig mit dem besten was Brecht geleistet hat. Inwiefern Handke Mystiker ist oder religioes bedaddert kann ich nicht beurteilen, aber wie Peter Strasser schon vor einiege Zeit betonte, sein Zeug ist ein Freudenstoff, die beste Droge ueberhauipt sagt ein einmalike Anhaenger von Angel Flake.




 "Ein größerer Gegensatz als zwischen uns ist nicht vorstellbar"

Mit seinem Sprechstück "Publikumsbeschimpfung" forderte Peter Handke 1966 das Publikum heraus, stellte Seh- und Spracherfahrungen infrage, machte die Sprache selbst zum Ereignis. Nun feiert der Schriftsteller seinen 75. Geburtstag. NDR Kultur gratuliert und spricht mit seinem langjährigen Freund, dem Regisseur Claus Peymann, zuletzt Intendant des Berliner Ensembles.
Herr Peymann, welche Bestimmung hat Peter Handke?

Theatermacher Claus Peymann und Schriftsteller Peter Handke verbindet seit den 1960er-Jahren eine enge Freundschaft.
Claus Peymann: Das wird er selber am besten wissen. Aber er ist sicherlich einer von den Aufrechten in der Kunst, in der Literatur. Mehr und mehr ist er zu einem großen Bewahrer geworden. Die Bestimmung, Visionen zu haben, die Bestimmung der Kunst, den Platz in der Gegenwart immer wieder zu erkämpfen, auch der politischen Kunst. Erinnert sei nur an den großen Streit um den Jugoslawien-Krieg. Aber von Anbeginn an war auch die "Publikumsbeschimpfung" nicht nur Literatur, sondern auch Politik. Es war das Stück der Stunde, der Unruhe, der 68er-Revolte. Und so sind seine heutigen Stücke immer Stücke, die ausgehen von einer zerstörten Gegenwart in den Traum einer besseren Welt. Wie Goethe mit seinem "Faust II", ein großer Träumer und Utopist. Das ist sicherlich seine Berufung. Die hat er sich selbst genommen, ergriffen und vertritt sie - ein toller Mensch!
Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler nennt Handkes Aufstieg 1966 "kometenhaft". Sie waren an diesem Aufstieg maßgeblich beteiligt. Wie haben Sie damals den fünf Jahre jüngeren Handke erlebt?
Peymann: Wir haben uns in Frankfurt am Main getroffen, er kam mit zwei Plastiktüten des Weges, wahrscheinlich direkt vom Jesuiten-College, dem er, glaube ich, entflohen ist, die Plastiktaschen voller Beatles- und anderer Popmusik. Er sah aus wie so ein Milchbart. Wir sind dann zusammen den Main mit einem Tretboot rauf- und runtergefahren. Ich glaube, er war auf dem Weg nach Amerika zur Tagung der Gruppe 47, wo der große Aufruhr ausbrach, als er Stellung bezog gegen die gesamte damalige zeitgenössische Literatur von Grass, Enzensberger und Böll und selber eine ganz neue Position behauptete. Er war immer auch ein Provokateur, jemand, der sich gegen Entwicklungen stellte.
Porträt
Peter Handke © dpa

Peter Handke: Schreiben gegen den Zeitgeist

Literatur und Aufmüpfigkeit, Sprache und Rebellion - sie begleiten Peter Handke sein Leben lang. Heute wird der österreichische Schriftsteller 75. mehr
Bis zum heutigen Tag zieht sich eine Linie durch: In seiner Literatur schimmerten auch immer die Epochen der letzten 50 Jahre durch. Das waren Stücke wie "Kasper" über den manipulierten Menschen, "Das Mündel will Vormund sein" über die Revolte der Unterdrückten gegen die Starken, dann diese traumverlorenen Stücke des Spätwerks, eines der letzten Stücke, "Zurüstungen für die Unsterblichkeit", "Spuren der Verirrten" - alles Bilder, Träume, Vorstellungen einer anderen Welt, auch in einer großen Menschlichkeit. Aus dem Revolutionär von damals mit den Plastiktaschen voller Beat-Musik ist heute ein gläubiger Mystiker geworden, ein seltsamer, scheinbar rückwärtsgewandter Denker. Er ist ein gefährlicher Freund, der nichts zulässt, wahrscheinlich inzwischen ein gläubiger Christ, mit Reisen bis in die serbische Orthodoxie der Kirche. Ein größerer Gegensatz als der zwischen Handke und mir ist gar nicht vorstellbar. Aber ich sehe mich, und das war damals schon so in der "Publikumsbeschimpfung", immer eher als Dirigent. Das Originalgenie - und das ist ein Genie - ist der Dichter Peter Handke. Und wenn man sagt, er sei berufen, dann ist er auch ein Auserwählter. Diese besonderen Menschen - nicht nur Handke, auch Thomas Bernhard, Beuß und Picasso - sehen mehr als wir normalen. Ich habe mich immer von ihm an die Hand genommen gefühlt und bin ihm in seine verworrenen, hochinteressanten, brisanten Wege in das Theater gefolgt - mit größter Freude und großer Verlegenheit.
Und wie ist es Ihnen in der Serbien-Kontroverse gegangen? Konnten Sie ihm da auch folgen? Er löste 1996 viel Kritik aus, als er den jugoslawischen Ex-Präsidenten und Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic unterstützte. Hat Handkes Liebe zu Serbien ihn blind gemacht für die Verbrechen im Namen Serbiens?



Peter Handke: Ein Schriftstellerleben


Peymann: Ob er ihn unterstützt hat, weiß ich nicht. Er wusste sehr genau Bescheid, was dort passiert, und wir sind alle befangen in unserer Beurteilung. Er hat den alternativen Heinrich-Heine-Preis bekommen - den offiziellen hat man ihm abspenstig gemacht -, und dann gab es eine große Bewegung, die 50.000 Euro aus anderen Quellen zu beziehen. Und dieses Geld hatte Handke dann nach Serbien gebracht, und hat dort in einem kleinen serbischen Dorf in Bosnien, in der Enklave, dieses Geld übergeben. Das ist humanitäres Handeln in Reinkultur. Vergessen wir nicht, dass die Söhne und Enkel der Nazi-Soldaten, die Belgrad bombardiert hatten, auch dann wieder das heutige Belgrad bombardiert haben. Er hat mir in meiner Bewertung des Serbien-Krieges, auch der dort handelnden Personen, einen anderen Blick beigebracht, wie er auch einen anderen Blick auf die Welt, auf die Geschichte hat. Ob er ein Parteigänger von Milosevic gewesen ist, bezweifele ich aufs Tiefste. Das ist das Bild, was von ihm entworfen wurde - ich selbst habe in Bosnien einen anderen Handke erlebt: einen Handke, der sich gefreut hat, für eine Schule eine neue Pflasterung des Hofs, für das Schwimmbad etwas zu machen. Man muss da unheimlich aufpassen, wer der Provokateur ist, ob es die Zeitungen sind oder dieser wunderbare, einmalige Mensch. Ein ganz großer Mann feiert seinen Geburtstag.
Und nun ist der vielleicht sogar letzte große Roman Handkes erschienen: "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere". Sie lesen dieses Buch gerade - welche Assoziationen haben Sie dabei?
Peymann: Es ist wieder ein typischer Handke. Ich probiere gerade im Stuttgarter Staatstheater Shakespeares "Lear", und nachmittags vertiefe ich mich in die "Obstdiebin". Es ist eine Fortsetzung in Bildern des Denkens einer vielleicht nicht mehr allzu großen Lesegemeinde. Aber jedem kann ich wünschen, sich in diese merkwürdige, schöne, tiefe Melodie des Peter Handke einzuschalten.
Das Interview führte Natascha Freundel.

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http://www.filmdienst.de/aktuelles/einzelansicht/artikel/peter-handke-zum-75-geburtstag.html




Peter Handke zum 75. Geburtstag


Peter Handke, geboren 1942 in Griffen (Kärnten), wird am 6.12.2017 75 Jahre alt. Der Schriftsteller, Theaterautor und Regisseur hatte stets eine große Leidenschaft fürs Kino, und das nicht allein auf Grund seiner langjährigen Freundschaft mit Wim Wenders.


Weltgefühl. Filmkunst. Der Schriftsteller Peter Handke und das Kino
Autor: Wilfried Reichart
Peter Handke und das Kino – das ist eine Liebesgeschichte. Schon in jungen Jahren verfällt Handke dem Zauber der Kinematografie und bleibt ihr treu, ein Leben lang, trotz gelegentlicher Enttäuschungen. Er ist ein Kinogeher, im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Kinobesucher. Er versteht sich nicht als Gast, der einer Einladung folgt, sondern als Komplize. Den Filmliebhaber zieht es in die Kinos, um Menschen zu begegnen (nicht im Kinosaal, auf der Leinwand), mit denen er sich verbunden fühlt, um neue Landschaften kennenzulernen, um Bilder zu sehen, die seine Fantasie beflügeln. Das Kino war ihm »von allen Dingen dem Herzen am nächsten«.

In Landkinos und Stadtkinos

Gern schreibt Peter Handke darüber, was das Kinogehen mit ihm anstellt. Zum Beispiel 1962. Da ist er gerade 20 Jahre alt und beginnt ein Jurastudium in Graz. In einem »stinknormalen, noch nicht spezialisierten Kino« sieht er Michelangelo Antonionis »La Notte«. »Nach dem Film stand ich im Zentrum von Graz an einer nächtlichen Straßenbahnhaltestelle und erlebte die steirische Stadt in eine Weltstadt verwandelt. Damals erfuhr ich zum ersten Mal so etwas wie ein Weltgefühl.«

Antonioni! Weltgefühl! Filmkunst! Darauf lässt sich Handkes Vorstellung von Film nicht festlegen. Er kommt in seiner Filmsozialisierung von ganz unten. »Das Wunderbarste am Kino war es, dass dort, ohne dass jene Örtlichkeiten sich einem extra als ‚Kulturstätte’ brüsteten, Kultur stattfand und nicht die herzenskalte, monopolitische, befremdende Reinkultur, sondern immer die Mischkultur, die allseits offene, menschenfreundliche, herzerwärmende.«

Zum Beispiel in den Landkinos im südlichen Burgenland. »In welchem Stadtkino sieht man sonst im Monat zwei Fuzzyfilme so wie im Kino in Jennersdorf. Und in welchem Stadtkino sieht man im Monat fünf Heimatfilme, zwei Herkulesfilme, zwei Jerry-Cotton-Filme, zwei Edgar-Wallace-Filme, einen Angélique-Film, einen Kommissar-X-Film, einen Maciste-Film, einen Zorro-Film, einen Fantomas-Film, zwei italienische, einen amerikanischen Western und Walt Disneys »Susi und Strolch« wie im Kino Windisch-Minihof an der ungarisch-jugoslawischen Grenze?«

Ein Pendeln ­zwischen Ab­lehnung und Zustimmung

Das ist alles lange her. 1968 noch beschreibt Peter Handke die Dramaturgie des Heimatfilms »wie das Öffnen eines Adventskalenders: eins nach dem andern zeigen sich Bilder in einer stereotypen, künstlichen Welt, und trotzdem überrascht jedes einzelne Bild, und man ist neugierig«.
Da muss man durch. Das muss man vielleicht alles gesehen haben, um es hinter sich zu lassen. 1975 schreibt Peter Handke im »Spiegel« über die neuen Filme von François Truffaut und Jean-Luc Godard (»Numéro 2«). Den einen verreißt er brutal, den anderen beschreibt er ausführlich. In seiner Ablehnung wird Handke zum Filmkritiker, in seiner Zustimmung ist er Kinogeher, der das Gesehene beschreibt. In seiner Kritik von Truffauts »L’histoire d’Adèle H.« formuliert er all das, um was es ihm in seinem ersten (vom Fernsehen produzierten) Spielfilm »Chronik der laufenden Ereignisse« (1971) ging, um die Aufdeckung von ritualisierten Phrasen. Das ist es, was er Truffaut vorwirft: kostümierte Figuren, Geschichten-Maschinerie, Einstellungen, die auf den bloßen Stimmungsreflex eines errechenbaren Phantomzuschauers zielen, fertige Formen für bestimmte Wirkungen.

In »Chronik der laufenden Ereignisse« bringt Handke zwei Motive zusammen, seine Liebe zum amerikanischen Kino – besonders zu John Ford und zum Film noir – und die Intention, sich dem konventionellen Geschichtenerzählen zu verweigern. Der Film rekonstruiert Erinnerungsbilder des Kinos und des Fernsehens, die bis zur Parodie verfremdet werden.

»Peter Handke geht ins Kino«

In der Literatur Handkes spielt der Film immer eine besondere Rolle. Der Mann, der sich als Enkel John Fords fühlt, beschreibt in »Der kurze Brief zum langen Abschied« einen Besuch bei dem amerikanischen Regisseur. (Handke hatte allerdings John Ford, der 1973 starb, nie persönlich kennengelernt.) In »Der große Fall« (2011) geht ein Schauspieler durch eine Metropole, einmal erinnert er sich an die Filmgeschichten von Carl Theodor Dreyer, Robert Bresson, Maurice Pialat, John Ford, Satyajit Ray, die er als Offenbarungen empfunden hat. Und 1980 übersetzt Peter Handke (es ist seine erste Übersetzungsarbeit von inzwischen mehr als 30 Übertragungen aus vier Sprachen) den 1961 in den USA veröffentlichen Roman von Walker Percy: »The Moviegoer«. Der Roman kreist um das Familien- und Berufsleben des Wertpapier-Maklers John Bickerson Bolling, der häufig ins Kino geht und dessen Verhältnis zur Welt davon geprägt ist.

»Peter Handke geht ins Kino« hieß eine Filmschau, die das Österreichische Filmarchiv im Oktober/November 2014 mit von Handke ausgewählten Filmen organisierte. John Ford natürlich und Wim Wenders, Ernst Lubitsch und Straub/Huillet, Abbas Kiarostami und Robert Bresson, Yasujiro Ozu und Satyajit Ray, Pier Paolo Pasolini und Werner Herzog, Andrej Tarkowskij und Ingmar Bergman, Federico Fellini, Carl Theodor Dreyer, Luis Buñuel. Darunter lediglich zwei Filme aus der BRD, Erwin Keuschs »Das Brot des Bäckers« und »Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner« von Werner Herzog. Das junge deutsche Kino steht nicht auf der Agenda des Kinogehers.

Arbeiten mit Wim Wenders
Es ist aber der deutsche Regisseur Wim Wenders, der Peter Handke zum Filmemachen gebracht hat. Ein Glücksfall. »3 Amerikanische LP’s« hieß der 13-minütige Film, den sie 1969 realisierten. Darsteller und Drehbuch: Peter Handke und Wim Wenders, Regie, Kamera, Schnitt: Wim Wenders, Musik: Creedence Clearwater Revival, Harvey Mandel, Van Morrison. Lange Einstellungen aus fahrenden Autos, Autofriedhöfe, Tankstellen, Autokinos in Kombination mit Popmusik.

Zwei Jahre später dann »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«. Dazu Wim Wenders: »Keiner der 20 Absolventen der Münchner Filmhochschule drehte in den nächsten Jahren nach dem Studium einen Film. Ich war der Einzige. Und das lag an Peter Handke, der mir seinen Roman für einen Appel und Ei schenkte. Da war ich 25 Jahre alt und er wurde 1972 in Venedig gezeigt.«

Daraus wurde eine lebenslange Freundschaft und berufliche Zusammenarbeit. Sie realisierten fünf Spielfilme, wobei Peter Handke seine besondere Rolle spielte. Der erfolgreichste war »Der Himmel über Berlin« (1987). Wim Wenders hatte eine Geschichte von zwei Engeln im Kopf und trug Handke an, mit ihm das Drehbuch zu schreiben. Doch der hatte gerade einen Roman angefangen und wollte die Arbeit nicht unterbrechen. »So haben wir schließlich einfach angefangen zu drehen, ohne festes Buch. Gleichzeitig kamen dann diese dicken Briefe, einer nach dem anderen, über mehrere Wochen. Absender: Peter Handke. Er schrieb, er habe nachträglich doch bedauert, mich mit leeren Händen wieder fortzuschicken, und weil meine Geschichte irgendwie in ihm nachgehallt hatte, habe er angefangen, auf gut Glück Dialoge und Monologe zu schreiben. Der Dreh war wie ein Flug ohne Instrumente, aber zwischendrin gab es diese Fixpunkte der Texte von Peter, auf die wir immer zugeflogen sind. Diese Handke’schen Texte waren wie unsere Leuchttürme.«

Ihre jüngste (und fünfte) Zusammenarbeit ließ den Film »Die schönen Tage von Aranjuez« entstehen, ein Zweipersonenstück, das Handke auf Französisch für seine Frau Sophie Semin verfasste, ein »Sommerdialog«, in dem ein Mann eine Frau nach ihrer erotischen Vergangenheit befragt. Wenders hat das innerhalb von zehn Tagen verfilmt, sein Inszenierungsarrangement hält sich streng an das Theaterstück, in den Hauptrollen Sophie Semin und Reda Kateb. Peter Handke hat einen Gastauftritt als Gärtner, das war’s. Er hatte sich aus der ganzen Vorbereitung des Films völlig herausgehalten und weder beim Drehbuch noch beim Schnitt Einfluss genommen. Was ihn am Ende gestört hat, war das 3D-Format des Films. Wenders: »Er hat zum ersten Mal in seinem Leben etwas in 3D gesehen, und das hat ihn sehr irritiert. Er hat eine andere Raum- und Farbwahrnehmung als ich. Als er dann die 2-D-Version sah, war alles okay.«

»Die schönen Tage von Aranjuez« entstand 44 Jahre nach dem ersten Spielfilm »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«, den Wenders nach einer Vorlage von Peter Handke realisierte. Damals schrieb der Autor am Drehbuch mit. Die lange Freundschaft wurde Mitte der 1990er-Jahre auf eine harte Probe gestellt, als Handke seine Position aus Anlass des Zerfalls Jugoslawiens formulierte und zum Begräbnis von Milosevic reiste. Wenders vertrat öffentlich eine dezidiert andere Position. Doch wahre Freundschaft... Wim Wenders: »Es gab immer eine große Gemeinsamkeit in unserer Arbeit und er ist der Schriftsteller, dessen Werk ich am besten verstehe. Niemand ist mir so nah. Wir haben parallel gelebt.«

Der Regisseur im Schatten des Schriftstellers?

Steht der Filmregisseur Peter Handke im Schatten des Schriftstellers Peter Handke? »Die linkshändige Frau« zum Beispiel, Handkes zweite Regiearbeit, wurde 1976 zuerst als Filmdrehbuch geschrieben, dann zur Erzählung umgeschrieben und bei Suhrkamp veröffentlicht. Danach erst entstand der Film.
Dieses Zögern, hat es vielleicht etwas mit dem Zweifel des Literaten zu tun, neben Filmregisseuren wie John Ford und Ozu und all den Favoriten des Kinogehers bestehen zu können? Auf jeden Fall geht Handke bei diesem Film auf Nummer sicher, kein Risiko, von allem das Beste, die Schauspieler, die für sich selbst stehen, Edith Clever, Bruno Ganz, Angela Winkler, Bernhard Wicki, Bernhard Minetti, Rüdiger Vogler, der Kameramann Robby Müller, dem man nicht erklären muss, welche Bilder er herstellen soll, der Cutter Peter Przygodda, der wie kein Anderer weiß, wie man am Schneidetisch mit Bildern umgeht.

Auch »Die Abwesenheit«, Handkes bisher letzter Film, erschien zuerst 1987 als Buch, das dann fünf Jahre später verfilmt wurde mit Jeanne Moreau, Bruno Ganz, Sophie Semin. Kamera: Agnès Godard, Schnitt: Peter Przygodda. Nur »Chronik der laufenden Ereignisse«, Handkes erste und interessanteste Regiearbeit, entstand nach einem Originaldrehbuch, das später als Erzählung von einem schon vorhandenen Film publiziert wurde.

Heimwege nach dem Kino

Zurück zum Kinogeher, der im Kino seinen Gefühlen freien Lauf lässt, der Filme »begrüßt«, voller Enthusiasmus, Ergriffenheit, manchmal auch erschüttert, wacherzählt, aufgefrischt; der aus dem Kino kommt und auf dem Heimweg die Bilder mit sich trägt.

»Mit nichts auf der Welt hat es für mich solche Heimwege gegeben wie zuzeiten nach dem Kino, nach der ‚Reise nach Tokyo’ von Ozu, nach ‚Andrej Rubljow’ von Tarkowski, nach ‘Mouchette’ von Bresson, nach ‘El Nazarin’ von Buñuel. Nach ‚The Man Who Shot Liberty Valance’ bekam ich Appetit auf die Welt: den Wind, den Asphalt, die Jahreszeiten, die Bahnhöfe und nicht allein der appetitlichen Speisen wegen, die der Aushilfskellner James Stewart serviert«.

Peter Handke ist ein empfindsamer Kinogeher, wie Franz Kafka (»Im Kino gewesen, geweint«). Für Kafka wie auch für James Joyce, so konstatiert Hanns Zischler in seiner Publikation »Nase für Neuigkeiten«, »bedeutet es einen ungetrübten passiven Genuss, von einer illusionären Bewegung des Kinos fortgetragen und, durchaus wörtlich, der Sorgen enthoben zu werden – für die Dauer des Eintauchens und des Verweilens im dunklen Saal. Eine Spielform der Divagation, ausschweifend sein, ohne sich vom Fleck zu rühren. Unbewegt gerührt und erregt werden.«

Gehen! Sich gehen lassen? Handke verknüpft die Leidenschaft des Kinos mit der des Gehens. Sein Film »Die Abwesenheit« (1992) thematisiert das Gehen, die Besonderheit des Querfeldein-Unterwegsseins. (»Wer überlebt hat, geht querfeldein«, meinte Herbert Achternbusch.) Ein Teil des Films spielt in Handkes Haus in Chaville bei Paris, wo auch Corinna Belz’ subtile Annäherung an den Schriftsteller
stattfand. Ihr Film zeigt einen Mann, nachdenklich, bestimmt, reflektiert, scheu, lächelnd, ernst, überzeugt, bei dem jedes Wort zählt. Es geht immer um alles. Die Zimmer des Hauses: unaufgeräumt, doch jedes Ding scheint am richtigen Platz; der Herr des Hauses: weißes Hemd, Weste, schwarzer Anzug, feste Schuhe, (nach)lässige Eleganz; er schneidet Steinpilze und Nüsse, markiert im Garten mit Muscheln einen »unsterblichen Weg«, den er auf und ab geht, er notiert seine Gedanken mit bunten Stiften in gut leserlicher Schrift in sein Notizbuch.

Als Corinna Belz mit der Kamera zu Peter Handkes Haus kam, stand sie vor dem Eisentor, an dem der Zettel hing: »Bin im Kino, kann sein, dass ich danach querfeldein unterwegs bin.« Nein. Dummer Scherz. Corinnas Film fokussiert den Schriftsteller, nicht den Kinogeher. Auf dem Zettel stand: »Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte«, was sie dann zum Titel ihres Films machte.
Wilfried Reicharts Text erschien erstmals in FILMDIENST 23/2016.
Fotos: Aus Corinna Belz' dokumentarischem Porträt "Peter Handke - Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte". Piffl Medien/good!movies

Literatur
Peter Handke: Mündliches und Schriftliches. Zu Büchern, Bildern und Filmen (Suhrkamp)
Peter Handke: Ich bin ein Bewohner des ­Elfenbeinturms (Suhrkamp)
Walker Percy: The Moviegoer (Übersetzung Peter Handke, Bibliothek Suhrkamp)
Werner Köster: Wim Wenders und Peter Handke (Tectum Verlag)
Lothar Struck: Der Geruch der Filme (Mirabilis Verlag)
DVD/BD-Tipps:
1. Ein dokumentarisches Porträt Handkes
von Filmemacherin Corinna Betz: »Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich ­verspäte«. Anbieter: good!movies
2. Wim Wenders’ Adaption von Peter Handkes »Die schönen Tage von Aranjuez«. Anbieter: Warner Home
 










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