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Sunday, August 19, 2018

notizbuecher-von-peter-handke-mein-zuhause-sind-die-farben

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Eine Sammlung unwillkürlicher Selbstgespräche.„Empfänglich sein ist alles“ und andere Weisheiten. Notizbuch vom Ende Juli 2010.Foto: Chris Korner/DLA Marbacg

Freundliche Waffen
Mit „Das stehende Jetzt“ leitet Ulrich von Bülow die Exegese von Peter Handkes Notizbüchern ein
Von Lothar StruckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lothar Struck
Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 18. Oktober 2017 präsentierte Ulrich von Bülow, Leiter des Archivs beim Deutschen Literaturarchiv in Marbach (DLA), zusammen mit Peter Handke den Erwerb von 154 Notizbüchern des Autors, die den Zeitraum von 1990 bis 2015 erfassen. Seit 2007 befinden sich bereits 67 Notizbücher Handkes im Besitz des DLA, die zwischen 1975 und 1990 geschrieben wurden.

I am just reading. noticed that handke takes recourse to Spinoza for this ideology of freude, which I am starting to share considering how happy his work as of a certain point makes me, aside whatever literary consideration I..e above and beyond. m.r


https://literaturkritik.de/handke-buelow-das-stehende-jetzt-die-notizbuecher-von-peter-handke-freundliche-waffen,25014.html
Im Halbrund aufgestellt, aneinandergelehnt und übereinandergestapelt, wie das Deutsche Literaturarchiv Marbach die 221 Notizbücher im vergangenen Oktober präsentierte, handelt es sich um ein Ehrfurcht gebietendes Textgebirge. Seine 33 000 Seiten, die Peter Handke von 1975 bis 2015 an insgesamt 14 600 Tagen anfertigte, ragen auch vor treuen Lesern als weitgehend unerschlossenes Massiv auf. Die Journale, die ihren Weg sorgsam ausgewählt aus der Kladde ins Buch fanden, „Das Gewicht der Welt“ oder zuletzt „An der Baumschattenwand nachts“, geben zwar einen Eindruck von Ton und Gehalt dieser Aufzeichnungen. Doch ihren besonderen Charakter gewinnen sie daraus, dass sie in ihrer Unkonzentriertheit eben nicht das Werk wollen, sondern das ewige Wuchern und die ewige Vorläufigkeit.
Ihr Ideal ist die permanente Weltmitschrift aus den Augenwinkeln heraus, leicht errungen und gedanklich noch nicht ausgehärtet. Gerade in dieser nach einer unmöglichen Totalität strebenden Summe verlieren die Notizbücher ihren Schrecken. Man könnte auch sagen: Sie mussten in dieser Vollständigkeit geschrieben werden – sie müssen nur nicht in dieser Vollständigkeit gelesen werden. Mit ihren das Ungestalte in eine unreine Form rettenden Wahrnehmungsexerzitien machen sie sich selbst überflüssig.
Die schönste Abkürzung durch ihre vielstimmigen Unendlichkeiten bietet jetzt ein von Ulrich von Bülow herausgegebenes Marbacher Magazin. Mit Faksimiles reich illustriert, macht es ein Projekt so sinnlich wie intellektuell begreiflich, das den Schriftbesessenen und Zeichner in seinen wichtigsten Facetten zeigt: den Naturbeobachter, der das Nebensächliche zu den Hauptsachen erklärt. Den im Halbdämmer Traumspuren festhaltenden Diaristen. Und den zwischen dem Streuobst seines Bewusstseins gezielt Lesefrüchte auflesenden Protokollanten


Natürlich sind die Notizbücher auch das Labor der Romane, aber eher im Sinne einer Einübung in ein Erzählklima als in einer Skizze des noch Auszuführenden. Ulrich von Bülows einführender Essay in Handkes Selbstkultivierungstechniken ist in seiner Kürze und Dichte ein Glanzstück des Bandes. Erhellend auch die Abschrift eines öffentlichen Gesprächs, das Handke und von Bülow zur Erwerbung der Notizbücher am 18. Oktober 2017 in Marbach führten. Der Autor gibt darin selten aufgeräumt Auskunft über seine Entwicklung.
Unter anderem klärt er die Bedeutung des Kürzels „U. S.“, das für „unwillkürliches Selbstgespräch“ steht. „Ich denke manchmal irgendetwas, und das ist in dem Moment derartig blöd, manchmal wie von Karl Valentin“, erklärt Handke. „Zum Beispiel: ,Ich wundere mich über gar nichts mehr.‘ Und dann sage ich mir: ,Dann lass dich doch gleich begraben.‘ Das ist überhaupt kein Gedanke, das ist ein unwillkürliches Selbstgespräch.“
In weiteren Essays widmet sich Ulrich von Bülow Handkes „Heidegger-Lektüren“ und den „Spinoza-Lektüren“. Vor allem der letztgenannte Aufsatz leistet Pionierarbeit. Er weist nach, wie Spinozas „Ethik“, ein umfassender, vom Ontologischen bis zum Erkenntnistheoretischen reichender philosophischer Entwurf, der Gott und Natur in eins setzt, Handkes 1979 mit „Langsame Heimkehr“ einsetzende Tetralogie zu prägen begann. Auch „Das stehende Jetzt“, der Titel des Marbacher Bandes, geht auf jene Zeit zurück. In seiner lateinischen Variante „Nunc stans“, die das Zusammenfallen von Moment und Ewigkeit meint, erprobte er den von ihm eigenwillig interpretierten Begriff in seinen Notizbüchern, ehe er 1980 in die ersten Sätze der „Lehre der Sainte-Victoire“ Eingang fand. „Einmal bin ich in den Farben zu Hause gewesen“, heißt es da. „Naturwelt und Menschenwerk, eins durch das andere, bereiteten mir einen Beseligungsmoment, den ich aus den Halbschlafbildern kenne, und der Nunc stans genannt worden ist.“
Das Nunc stans ist bis heute das beste Mittel, den Grundwiderspruch von Handkes Projekt, vielleicht sogar aller Kunst, aufzulösen: nämlich ein Sehen, das sich erst im Schreiben verwirklicht – und dadurch der Welt bereits als etwas Anderes, für immer Fixiertes gegenübertritt. So, wie die angehaltene Zeit in den Strom der Dinge zurückfließt, um von Neuem angehalten zu werden, geschieht es auch mit dem objektivierten Satz und dem lebendigen Bewusstsein.
Das stehende Jetzt. Die Notizbücher von Peter Handke. Gespräch mit dem Autor und Essays von Ulrich von Bülow. 152 S., 18 €. Bestellung: www.dla-marbach.de



Freundliche Waffen

Mit „Das stehende Jetzt“ leitet Ulrich von Bülow die Exegese von Peter Handkes Notizbüchern ein

Von Lothar StruckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lothar Struck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise
Am 18. Oktober 2017 präsentierte Ulrich von Bülow, Leiter des Archivs beim Deutschen Literaturarchiv in Marbach (DLA), zusammen mit Peter Handke den Erwerb von 154 Notizbüchern des Autors, die den Zeitraum von 1990 bis 2015 erfassen. Seit 2007 befinden sich bereits 67 Notizbücher Handkes im Besitz des DLA, die zwischen 1975 und 1990 geschrieben wurden.
Anlässlich dieser Präsentation führte von Bülow ein Gespräch mit Handke, das als erster Beitrag in seinem Buch Das stehende Jetzt über die Notizbücher des Autors transkribiert ist. Es fällt ausführlicher aus als der seinerzeit im Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlte Mitschnitt von knapp 30 Minuten. Danach folgen drei Essays von Bülows. Im ersten skizziert er Handkes Intentionen und den Stellenwert der Notizbücher im Werk des Dichters. Wie man mit diesen Büchern literaturwissenschaftlich arbeiten kann zeigt er, indem er Handkes Einträge über Lektüren von Martin Heidegger und Baruch de Spinoza extrahiert und deutet.
Die 67 Notizbücher bis Sommer 1990 sind für die Forschung seit geraumer Zeit zur Ansicht in Marbach (als Scans) verfügbar. Auf der Webseite Handkeonline werden für den Zeitraum von 1971 bis 1990 allerdings 79 Notizbücher (mit rund 10.000 Seiten) aufgelistet und ausgewertet. So wurden zwei Originale aus den frühen 1970er Jahren 2014 in der Schweiz ‚entdeckt‘. Andere Originale finden sich in Wien. Hinzu kommen noch einige in Privatbesitz befindliche, nicht erfasste Notizbücher. Inwieweit die 154 Kladden von 1990 bis 2015 komplett sind, kann nur das DLA sagen (Von Bülow erwähnt in einem Aufsatz im letzten Jahr 153 Notizbücher). Handke spricht von mindestens einem verlorenen Notizbuch.
Sieht man sich die Fotografien des Konvoluts im Buch an, zeigt sich, dass Handke für seine Aufzeichnungen nahezu alle Formen und Größen von Notizbüchern verwendet. Ob kartoniert, Softcover, Leder oder Wildleder, sogenannte Chinakladden oder Spiralblöcke (typisch für Handke: seine expressive Ablehnung gegenüber den populären „Moleskine“-Büchern). Er bevorzugt blanko, aber eben auch mit Linien oder kariert. Meist sind sie im Taschenformat A6; manche kleiner, einige A5. Die Seitenzahl variiert zwischen 40 und 300. Von Bülow quantifiziert die in Marbach befindlichen 221 Notizbücher mit insgesamt mehr als 33.000 Seiten. Manche sind eng beschrieben, einige wieder sehr großzügig. Es finden sich viele Zeichnungen Handkes in den Büchern. Zuweilen werden Postkarten, Zeitungsausschnitte, kleine Pflanzen oder Federn eingelegt. Die Schrift des Autors ist meist gut lesbar, auch wenn sie über die Jahre variiert. Geschrieben wird mit allem Verfügbaren: Kugelschreiber, Filzstift, seltener Bleistift. Die Bücher befinden sich zuweilen in desolatem Zustand, weil sie Wind und Wetter ausgesetzt waren.
Handke legt Wert auf die Bezeichnung „Notizbücher“. Obwohl die Eintragungen praktisch täglich erfolgten, sind es tatsächlich keine Tagebücher im klassischen Sinn. Das Datum erwähnt er eher unregelmäßig. Persönliche Befindlichkeiten, Klatsch und Tratsch sowie politische Statements fehlen fast vollständig. Eine berühmt gewordene Ausnahme sind Artikel zu vier hingerichteten chinesischen Menschenrechtlern, denen er in seinem Film Die Abwesenheit gedenkt. Die frühen Notizbücher (1971 bis cirka 1975) kommen eher „Arbeitsjournalen“ nahe, weil sie sich explizit und ausschließlich mit einem geplanten Buch oder Theaterstück auseinandersetzen. Danach erweitert Handke das Spektrum seiner Eintragungen hin zu „Aufzeichnungen zweckfreier Wahrnehmungen“. Notiert werden jetzt nicht nur werkimmanente konzeptuelle Überlegungen (die zum Teil „Projekte“ aufzeigen, die Jahre, nicht selten Jahrzehnte später zu Titeln führen), sondern auch Beobachtungen, Lektüreeindrücke und -reflexionen, Gesehenes und Gehörtes, Erinnerungen, Assoziationen, Träume.
Reserviert bis ablehnend steht Handke Interpretationen gegenüber, die in den Notaten „Übungen“ oder eine Art „Training“ für ein später entstehendes Werk sehen wollen. Im sehr instruktiven Gespräch mit von Bülow erläutert er überraschend deutlich seine Ambitionen: „vieles, was einem so nebenbei als Form, als Sprachform begegnet, ist für einen Moment da und verschwindet im nächsten wieder, so wie eine – Sternschnuppe muss man ja nicht sagen – aber wie eine Art von Schnuppe, die vorbeigeht.“ Handke versucht nun diese durch vorurteilsfreies, intentionsloses „Schauen“ erreichten „Schnuppen“, das nunc stans eines Moments, das „stehende Jetzt“, zu versprachlichen und zu konservieren, oder, um es pathetischer zu sagen, zu retten. Es geht dabei, so fasst von Bülow zusammen, um „Momentaufnahmen, die poetische Gültigkeit beanspruchen können“ und das „Allgemeine und die Dauer“ festhalten. Dabei ist sich Handke der Fragilität solcher Verschriftlichung durchaus bewusst. Daher auch die immer wieder eingestreuten, mit Fragezeichen versehenen Selbstbefragungen beispielsweise in den von ihm so genannten „unwillkürlichen Selbstgesprächen“. Zahlreich auch Sprachspiele wie jenes vom „11. Gebot“. Wunderbar, wie er im kleinsten Käfer oder einfach nur einem verwelkten Blatt die Welt zu entdecken vermag – und dann nicht selten direkt wieder in eine Sprachskepsis gerät. Umfassend auch die Lektüreeindrücke (es gibt kaum jemanden, der so tief in das Gelesene einzudringen vermag wie Handke).
Handke selber spricht von seinen Notizbüchern als einer „freundlichen Waffe“, die er oft „ziehe“, um die „Gebilde“, die sich ihm „ob von innen oder außen oder von beidem, Innenwelt und Außenwelt“ zeigen, festzuhalten. Wer mit ihm schon einmal unterwegs war, weiß, wie das gemeint ist. Von „Manie“ möchte er dennoch nicht sprechen. Auch hier vermag man ihm Recht zu geben.
Im Laufe des Jahres 1976 begann Handke Notate aus seinen Büchern abzutippen. Hier muss der Entschluss zu einer Publikation gereift sein. Wo es ihm notwendig war, wurden die übernommenen Notizen gerafft und gegebenenfalls korrigiert. 1977 erschien mit Das Gewicht der Welt das erste „Journal“, wie die publizierten Extrakte der Notizbücher in Handkes Werk genannt werden. Je nach Epoche finden zwischen zwei Dritteln (in den ersten Journalen) und einem Viertel der Notizbücher Einlass in die Journale. Hiervon sind insgesamt sieben erschienen (in Klammern zunächst das Ersterscheinungsjahr, dann der Zeitraum der Notizen, die für das Journal Verwendung fanden):
Das Gewicht der Welt (1977 – 11/1975 bis 03/1977 ),
Die Geschichte des Bleistifts (1982 – 07/1976 bis 08/1982),
Phantasien der Wiederholung (1983 – 04/1981 bis 12/1982),
Am Felsfenster morgens (1998 – 08/1982 bis 10/1987),
Gestern unterwegs (2005 – 10/1987 bis 07/1990),
Ein Jahr aus der Nacht gesprochen (2010 – zwischen 2008 und 2010) und
Vor der Baumschattenwand nachts (2016 – zwischen 2007 und 2015).
Von Bülow zählt das eher sentenzenhafte Traumbuch Ein Jahr aus der Nacht gesprochen nicht direkt zu den Journalbänden.Die Erstpublikationen der Journale erfolgten bis auf Phantasien der Wiederholung nicht bei Suhrkamp, sondern im Residenz Verlag beziehungsweise ab 2005 bei Jung und Jung. Maßgeblich hierfür war die Freundschaft Handkes zu Jochen Jung. 2015 wurde ein Ausschnitt aus dem Notizbuch Nr. 16 bei Suhrkamp veröffentlicht.
Die Auflistung zeigt, dass aus den Notizbüchern vom Juli 1990 bis 2006 bis auf wenige Ausnahmen der „Traumbeschreibungen“ keine Notate für ein Journal Verwendung fanden. Mit dem Notizbuch Der Bildverlust; Das stumme Stück vom 9.2. bis 1.7.1990 (DLA-Notizbuch Nr. 67) endete die Möglichkeit der Einsicht für die Forschung in die Exponate. Über die Gründe hierfür wurde viel spekuliert. Im Juli 1990 bemerkt Handke, dass „kaum mehr ein Mit-Schreiben im Sinn der früheren Journale statt[finde]“. Hat Handke seine Intention, das „Unternehmen“ des voraussetzunglosen Schauens und Aufschreibens, verändert? Womöglich hängt es mit dem sich beginnenden Jugoslawien- beziehungsweise Serbien-Engagement des Autors zusammen, das Mitte der 1990er Jahre für längere Zeit auf großen Widerspruch stieß. Oder finden sich mehr persönliche Ein- und Auslassungen (auch über andere Persönlichkeiten des Betriebs) in den Büchern? Nach Auskunft von Ulrich von Bülow sind jetzt auch die neu erworbenen Exemplare einsehbar, allerdings nur mit Handkes Erlaubnis.
Wie praktische literaturwissenschaftliche Arbeit mit den Notizbüchern aussehen könnte, zeigt von Bülows in zwei Essays über die Einflüsse von Martin Heidegger und Baruch de Spinoza auf Denken und Werk Peter Handkes, die in diesem Buch ihre Heimstatt gefunden haben. Seine Quellen sind die Notizbücher bis Sommer 1990. Daneben vergleicht er die Notate mit den Übernahmen in den Journalen. Auf zahlreichen Fotografien kann der Leser einige zitierte Textstellen aus den Notizen selber nachlesen.
Heidegger habe Handke „spät, eher sporadisch und weniger intensiv“ gelesen, so von Bülow. Nachweisen lassen sich zwischen 1976 und 1986 rund ein halbes Dutzend Stellen, an denen sich Handke mit Heidegger beschäftigt, so beispielsweise mit seinem Aufsatz Bauen, Wohnen, Denken. Sein und Zeit dürfte Handke, so von Bülow, nicht gelesen haben beziehungsweise nur ausschnittweise. Die Hauptfigur in Handkes Erzählung Langsame Heimkehr (1979), ein Geologe, der den Namen Sorger trägt, sollte ursprünglich Heidegger-Leser sein. Handke sei dann jedoch davon abgerückt. Mit den vereinzelten Deutungsvorschlägen, der Name Sorger sei eine Anspielung auf Heidegger, kann von Bülow nicht viel anfangen. Handke habe, so die These, nur ab und an einzelne Formulierungen von Heideggers Sprach-Jargon, den er im Übrigen eher skeptisch betrachtet, verwendet.
Über Goethe kam Handke zu Spinoza. Schlüssig erläutert von Bülow anhand von Eintragungen zwischen 1980 und 1983, wie eng Handkes poetologisches Prinzip mit Spinozas „Konzept der Freude“ verwoben ist. Interessant sind auch die kleinen Parallelen zwischen Spinozas und Heideggers „Ding“-Betrachtungen. Aber auch Handkes Diskrepanzen zu einigen Aspekten von Spinozas Ethik (etwa den „Kausalismus“) werden herausgearbeitet. Am Ende entschied sich Handke in seiner Erzählung Die Lehre der Sainte-Victoire für Cézanne und nicht Spinoza als (seinen) „Menschheitslehrer“. Spinoza war ihm zu sehr ein mit apodiktischen Botschaften Daherkommender. Er präferierte den weichen, vorschlagenden, suchenden Cézanne. Dennoch finden sich im späteren Werk des Autors immer wieder Einflüsse von Spinoza.

Das vom Deutschen Literaturarchiv herausgebrachte Buch könnte – zusammen mit der gerade im Suhrkamp Verlag erschienenen Handke-Gesamtausgabe – ein Initial für eine umfassende Beschäftigung mit Handkes Notizen sein. Seit jeher werden seine Journale vom Publikum sehr geschätzt, was, wie Katharina Pektor unlängst in einem Aufsatz (Leuchtende Fragmente) anmerkte, womöglich daran liegt, dass meist Notate Verwendung finden, die eher aphoristischen Charakter besitzen. Wer über Handkes Werkgenese forscht, wird an den Originalen nicht vorbeikommen – das kann man schon bei Ansicht der bisher zugänglichen Notizbücher sehen – und zu zum Teil überraschenden, weiterführenden Erkenntnissen kommen. Mit dem neu zur Verfügung stehenden Konvolut gibt es eine Menge Arbeit.

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